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Statement ReproKult- Frauen Forum
Fortpflanzungsmedizin
Hearing with the Civil Society - Temporary Committee on
Human Genetics - EU-Parliament am 9.+10. Juli 2001 in Brüssel zum Thema: The
impact of Human Genetics on our everyday life
ZUR ROLLE DER FRAU IN DER
BIOMEDIZINISCHEN FORSCHUNG
Von Gabriele Pichlhofer und Sigrid Graumann (Frauen Forum
Fortpflanzungsmedizin)
Wir vertreten hier das Frauen Forum
Fortpflanzungsmedizin ReproKult. ReproKult ist ein bundesweit arbeitender Zusammenschluss von
Frauen aus Wohlfahrts-, Berufs - und Behindertenverbänden,
Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen und Journalistinnen. Dazu gehören unter
anderem die beiden Berufsverbände der Hebammen, der Arbeitskreis
Frauengesundheit und die Frauenorganisation der deutschen
Behindertenselbsthilfebewegung.
Wir beschäftigen uns mit Themen rund
um die neuen Entwicklungen in der Humangenetik und Fortpflanzungsmedizin.
Unser Ziel ist es, die Positionen der Frauenbewegung in die öffentliche
Diskussion einzubringen und aktiv auf Gesetzesvorhaben in diesem Bereich
Einfluss zu nehmen.
1. Frauen-Körper als Schnittstelle
Frauen kommt in den modernen
Fortpflanzungstechnologien sowie in der Embryonenforschung die Schlüsselrolle
zu. Frauen sind die Konsumentinnen der Fortpflanzungsmedizin und der
vorgeburtlichen Diagnostik. Gleichzeitig liefern Frauen die begehrten
Rohstoffe "Ei" und "Embryo". Forschung und medizinische Praxis finden in
einem gesellschaftlichen Kontext statt, in dem Frauen nach wie vor
benachteiligt sind. Gleichzeitig verändern die Entwicklungen in Forschung und
medizinischer Praxis die gesellschaftliche Realität und haben damit
nachhaltige Folgen für einzelne betroffene Frauen wie auch allgemein für die
Stellung der Frau in der Gesellschaft. Weder in der Politik noch in der
Forschung wird dieser Tatsache bislang Rechnung getragen.
2. Pränataldiagnostik und In-vitro-Fertilisation
Pränataldiagnostik
und In-vitro-Fertilisation sind mittlerweile weltweit etablierte Verfahren,
auch in Deutschland. Die Erfahrungen mit diesen Verfahren müssen in die
Abschätzung der gesellschaftlichen Folgen der neuen Verfahren, wie der
Präimplantationsdiagnostik und der embryonalen Stammzellforschung
berücksichtigt werden.
2.1. Pränataldiagnostik
Die Pränataldiagnostik gehört mit Tripletest,
Ultraschall und empfohlener Fruchtwasseruntersuchung heute zum Alltag jeder
Schwangeren. Das zentrale Anliegen der Schwangerenvorsorge ist nicht alleine
das Wohlergehen der Schwangeren und ihres zukünftigen Kindes, sondern die
gezielte Suche nach Auffälligkeiten des Ungeborenen mit dem Ziel eines
eventuellen Schwangerschaftsabbruchs. Eine bewusste Entscheidung der Frau
hierfür ist im Rahmen des "Normalangebots" der Schwangerenvorsorge nicht
vorgesehen. Wir fordern, dass zukünftig Hebammen und Patentinnen an der
Festlegung der Richtlinien für die Schwangerenvorsorge beteiligt werden und
dass die selektiven Diagnoseverfahren aus der regulären Schwangerenvorsorge
herausgenommen werden. Frauen müssen die Möglichkeit haben, eine informierte
Wahl zu treffen, welche Diagnostik sie haben möchten und welche nicht. Das ist
bislang nicht der Fall.
Dazu kommt, dass ein behindertes Kind unter
den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen ein Armutsrisiko für Frauen
darstellt. Die Tatsache, dass Frauen immer noch die Hauptverantwortung für
Kinder tragen, die Familie häufig keine verlässliche soziale Absicherung mehr
bietet und die sozialen Leistungen mehr und mehr abgebaut werden, verschärfen
dieses Armutsrisiko. Dadurch entsteht ein gesellschaftlicher Druck auf Frauen,
die Pränataldiagnostik in Anspruch zu nehmen, der die Möglichkeit wirklich
selbstbestimmt darüber zu entscheiden, unterläuft. Darüber hinaus trägt
die vermeintliche Vermeidbarkeit von chronischen Krankheiten und Behinderungen
durch die Pränataldiagnostik zu einer Individualisierung der Verantwortung auf
der Seite der Frau/Eltern und zur Legitimation der zunehmenden
Entsolidarisierung der Gesellschaft von chronisch Kranken, Behinderten und
deren Familien bei.
2.2. In-vitro-Fertilisation
Die In-vitro-Fertilisation wird Frauen in
Deutschland nach einem Jahr unerfülltem Kinderwunsch angeboten. Drei
Behandlungszyklen werden von den Krankenkassen bezahlt, was einem Anteil von
10% am Gesamtbudget der Frauenheilkunde entspricht. Die Erfolgsraten sind nach
wie vor gering (in Deutschland aktuell 13,6% "baby take home rate"). Die
gesundheitlichen Risiken für die Frau durch die Hormonbehandlung (mögliches
Krebsrisiko, 3-5% Hyperstimulationssyndrom) und für Frau und Kinder durch die
hohe Rate an Mehrlingsschwangerschaften (ca 24 % Zwillings- und ca. 4 %
Drillingsgeburten) sind hoch. Diese Probleme der In-vitro-Fertilisation werden
in der Öffentlichkeit unzureichend wahrgenommen.
Alternative
Verfahren, wie naturheilkundliche, psychosomatische und psychotherapeutische
Behandlungen des unerfüllten Kinderwunsches werden trotz geringeren
gesundheitlichen Belastungen für die Frau und teilweise vergleichbaren
Erfolgsraten nicht selbstverständlich angeboten und nur teilweise von den
Kassen bezahlt. Die Praxis der In-vitro-Fertilisation zeigt, dass nicht das
psychische Leiden an der unerfüllten Kinderlosigkeit, das erfolgreich
therapeutisch durch die Erschließ ung alternativer Optionen für die
Lebensplanung der Frau bzw. des Paares behandelt werden kann, sondern in
erster Linie die Kinderlosigkeit als solche als "Krankheit" verstanden wird.
Darin spiegelt sich ein überkommenes Frauenbild, welches die Frau auf die
Mutterschaft als gesellschaftliche Norm festlegt und gesellschaftliche Zwänge
für kinderlose Frauen erzeugt. Frauen sind aber aus unterschiedlichen
Gründen gewollt oder ungewollt kinderlos - weil sie für sich andere
Lebensschwerpunkte setzen, weil sie keinen festen (männlichen) Partner haben,
weil der Partner kein Kind will, weil die In-vitro-Fertilisation nicht
erfolgreich war oder auch weil sie behindert oder krank sind. Aus
frauenpolitischer Perspektive müssen daher die unterschiedlichen
Lebensentwürfe von Frauen gleichermaß en anerkannt werden. Für die eine Frau
ist die In-vitro-Fertilisation für die andere Frau die Entwicklung
alternativer Pläne für ihr Leben die beste Lösung. Wir fordern daher, dass
das Leiden an der unerfüllten Kinderlosigkeit und nicht die Kinderlosigkeit
als solche, Grundlage für medizinische Angebote ist.
3. Gesetzliche Lage und derzeitige Diskussion
Die
Präimplantationsdiagnostik, die Eizellspende und die Forschung mit
menschlichen Embryonen sind in Deutschland bislang durch das
Embryonenschutzgesetz von 1990 verboten. Derzeit findet in Deutschland eine
intensive und ausgesprochen kontroverse Diskussion statt, in der von
ärztlicher, wissenschaftlicher und politischer Seite viele Stimmen eine
gesetzliche Lockerung fordern, um zukünftig Präimplantationsdiagnostik und
Embryonale Stammzellforschung zu ermöglichen. In der Diskussion wird ein
erheblicher Druck durch den Verweis auf liberalere Regelungen in den
europäischen Nachbarländern erzeugt.
Das Embryonenschutzgesetz, das
die deutsche Regierung 1990 verabschiedet hat, war nicht als Gesetz zum Schutz
von Frauen, sondern als Gesetz zum Schutz von Embryonen gedacht. Dennoch
fordern wir aus frauenpolitischer Sicht, dass das Embryonenschutzgesetz
erhalten bleibt. Diese Position wollen wir im folgenden begründen:
3.1. Präimplantationsdiagnostik
Mit der Präimplantationsdiagnostik
erhält die vorgeburtliche "Selektion" eine neue Qualität. Frauen, die
eigentlich fruchtbar sind, müssen sich für das Verfahren einer
In-vitro-Fertilisation mit allen oben genannten Belastungen unterziehen. Dazu
kommt die Unzuverlässigkeit der Gendiagnostik (7 - 36 % falsch positive
Befunde laut Literatur). Dass der Frau ein Schwangerschaftsabbruch nach
Pränataldiagnostik oder das Leben mit einem kranken Kind erspart bleibt, kann
also nicht garantiert werden. Wir sehen die Präimplantationsdiagnostik
nicht als bessere Alternative gegenüber der Pränataldiagnostik an, sondern
betrachten beide Verfahren als hochproblematisch für die individuell
betroffene Frau wie für die Gesellschaft als solche. In der öffentlichen
Diskussion werden die Probleme der Präimplantationsdiagnostik aber
bagatellisiert. Alternativen, wie der bewusste Verzicht auf eigene Kinder,
Adoption, Pflegschaft oder die heterologe Insemination werden kaum
berücksichtigt.
Die Erfahrungen mit der Pränataldiagnostik und der
In-vitro-Fertilisation zeigen, dass die betroffenen Paare häufig
unrealistische Vorstellung über Erfolgsaussichten und Risiken der Verfahren
haben. Das kann an Fehlinformationen durch die Medien und an unzureichender
Beratung bzw. Aufklärung durch die behandelnden Ärzte liegen. Es ist daher
auch für die Präimplantationsdiagnostik zu befürchten, dass der
gesellschaftliche und institutionelle Kontext einer wirklich informierten Wahl
(informed choice) der Frau entgegensteht.
Darüber hinaus ist zu
befüchten, dass der gesellschaftliche Druck auf die Frau, nur gesunde Kinder
zu gebären, durch die vermeintlich unproblematischere Möglichkeit, ein
chronisch krankes oder behindertes Kind zu vermeiden, steigt. Darüber hinaus
ist eine zunehmende Stigmatisierung von Behinderten und ihren Familien zu
befürchten (Dabei ist für uns wichtig, dass wir auch behinderte Frauen
vertreten!). Wir fordern daher aus frauenpolitischer Perspektive ein
eindeutiges Verbot der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland.
3.2. Embryonale Stammzellforschung
In der öffentlichen Diskussion
werden Heilungsaussichten durch die embryonale Stammzellforschung versprochen,
die keineswegs wissenschaftlich begründet sind. Es ist vollkommen ungeklärt,
für wen die Therapien, falls sie je entwickelt werden, in einer Zeit eines
immer größ eren Kostendrucks auf die Gesundheitssystem zur Verfügung stehen
werden.
In der Diskussion wird in der Regel unterstellt, die Rohstoffe
"Eizelle" und "Embryo" für die embryonale Stammzellforschung seien einfach so
"in der Welt". Die Verfügbarkeit dieser Ressourcen setzt aber voraus, dass
sich Frauen der In-vitro-Fertilisation unterziehen. Wir befüchten, dass die
Achtung der Rechte dieser Frauen zusätzlich gefährdet ist, wenn fremdnützige
Interessen in der Fortpflanzungsmedizin eine Rolle spielen. Besonders für das
sogenannte therapeutische Klonen wäre eine erhebliche Zahl an Eizellen
notwenig, die Frauen "spenden" müssten. Wir wissen aber, dass heute schon
Eizellen für andere unfruchtbare Frauen, dort wo die Eizellspende erlaubt ist,
Mangelware sind. Es müssten Anreizsysteme für die "Eizellspende" etabliert
werden, um genügend "Rohstoffe" zu gewinnen. Die Eizellentnahme ist aber eine
invasive und für die Frau risikoreiche Prozedur, die aus unserer Sicht für
fremdnützige Zwecke nicht legitim ist. Aus unserer Sicht werden Frauen in der
embryonalen Stammzellforschung zu "Rohstofflieferantinnen" für fremdnützige
Zwecke degradiert.
Wir setzen uns daher dafür ein, dass alle Varianten
der Eizellspende, des Klonens und der Embryonenforschung verboten bleiben.
FAZIT: Unsere Forderung für die europäische Forschungspolitik
ist, dass die Folgen der biomedizinischer Forschung für einzelne Frauen wie
für die Stellung der Frau in der Gesellschaft zukünftig grundsätzlich bei der
Entscheidung über Forschungsschwerpunkte berücksichtigt werden müssen. Darüber
hinaus müssen frauenspezifische Fragestellungen ein integraler Bestandteil der
ethischen und sozialwissenschaftlichen Begleitforschung sein.
English Version: The role of women in biomedical research
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