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Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche bei Teenagern - Alarmierender Anstieg ?
Von: Silke Koppermann, Hamburg
Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche bei Teenagern ist ein besonders sensibles gesellschaftliches und politisches Thema, insofern auch ein beliebtes Thema der fachlichen Diskussion und der öffentlichen Berichterstattung.
In periodisch wiederkehrenden Zeiträumen wird immer wieder von "dramatisch" angestiegenen Schwangerschaftsabbruch-Zahlen bei Teenagern berichtet.
Leider handelt es sich dabei weniger um eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema als vielmehr um eine ideologisch geführte, wenig an den realen Fakten orientierte und häufig stark moralisierende Debatte.
Grundlage für die Berechnung sind zwar immer die Zahlen des statistischen Bundesamtes, allerdings wird bei der Berichterstattung häufig nicht sorgfältig recherchiert bzw. das statistische Datenmaterial falsch interpretiert.
Fakt ist, dass die Abbruchzahlen bei den Minderjährigen kontinuierlich gestiegen sind, wohingegen die ausgetragenen Schwangerschaften in dieser Altersgruppe relativ gleich geblieben sind, dennoch kann derzeit bei genauerer Auswertung des Datenmaterials nicht von einem "dramatischen" Anstieg gesprochen werden.
Der quantitative Blick: Das Spiel mit den Zahlen
Erhebung der Schwangerschaftsabbrüche:
Um eine Einschätzung der Entwicklung von Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland allgemein abgeben zu können, ist das Wissen um die Praxis der statistischen Erhebung wichtig, da die Erhebungsmodalitäten sich entscheidend auf das Ergebnis auswirken.
Das statistische Bundesamt erhebt als zuständige Behörde in Deutschland die Daten zu den Schwangerschaftsabbrüchen. Bei dieser Erhebung handelt es sich um eine Totalerhebung und seit 1996 sind alle InhaberInnen von Arztpraxen bzw. LeiterInnen von Krankenhäusern, in denen innerhalb von zwei Jahren vor dem Quartalsende Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt wurden, auskunftspflichtig. Bis zum Jahre 1995 bestand nur eine anonyme Auskunftserteilung, so dass Kontrollmöglichkeiten nicht möglich waren und ein Teil der ÄrztInnen der gesetzlichen Auskunftspflicht nicht bzw. nur unzureichend nachkamen. Insofern sind die absoluten Zahlen bis zu diesem Zeitpunkt mit Vorsicht zu interpretieren. Es ist von einer Untererfassung der Schwangerschaftsabbrüche auszugehen.1) Das statistische Bundesamt verfügt mittlerweile durch eigene Recherchen über eine komplette Liste der meldepflichtigen Arztpraxen und Krankenhäuser (seit 2001 vollständig), die in der Statistik zu Schwangerschaftsabbrüchen erfasst werden. Demnach kann nicht mehr von einer statistisch gravierenden Dunkelziffer ausgegangen werden, was vielerorts behauptet wird.
Entwicklung von 1996 bis 2002 der Schwangerschaftsabrüche:
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1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
2000 |
2001 |
2002 |
|
unter 15 |
365 |
441 |
453 |
467 |
574 |
696 |
761 |
| 15 - 18 |
4359 |
4853 |
5104 |
5266 |
5763 |
6909 |
6682 |
Insgesamt |
4724 |
5294 |
5557 |
5733 |
6337 |
7605 |
7443 |
Wie ist die Entwicklung von 1996 bis 2002 zu bewerten?
Von 1996 bis 2001 ist laut Statistik nach den absoluten Zahlen ein Anstieg von Abbrüchen bei Teenagern zu verzeichnen. In 2002 gehen die Zahlen geringfügig nach unten. Das ergibt eine Steigerung von 57% in dieser Altersgruppe. Diese Prozentzahl wird häufig zum Anlass für die Beschreibung dieses drastischen Anstieges genutzt. Dabei wird allerdings nicht gesehen, dass:
a) die Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen gegenüber den über 18-Jährigen insgesamt gesehen niedrig sind. Da die Grundgesamtheit der unter 18jährigen mit Schwangerschaftsabbruch wesentlich niedriger sind als die bei den Erwachsenen, wirken sich relativ kleine Veränderungen in der absoluten Zahl prozentual viel stärker aus als bei der zahlenmäßig viel größeren Gruppe der Erwachsenen.
b) Um den absoluten Anstieg des weiteren richtig bewerten zu können, müssen andere Faktoren wie die zahlenmäßigen Veränderungen in der Bevölkerung zum Beispiel durch geburtenstarke oder -schwache Jahrgänge hinzugezogen werden. Das heißt die Zahlen der Abbruchstatistik ergibt ein genaueres Bild, wenn man sie in Bezug zu der Grundgesamtheit der Jugendlichen in einem bestimmten Jahrgang setzt. Für diesen sachlichen Blick bedient sich die Statistik der Kategorie "Häufigkeiten von Schwangerschaftsabbrüchen pro 10.000 Frauen einer Altersgruppe". Für Jahres- und Ländervergleiche zeichnet diese Zahl ein viel genaueres Bild ab. Hier lässt sich ebenfalls ein Anstieg von 33 in 1996 auf 50 in 2002 feststellen. Nur dass sich die Prozentzahl weitaus weniger alarmierend anhört: Es ist ein Anstieg von 0,33 % auf 0,52 % in der Altersgruppe unter 18 zu verzeichnen.
Im Vergleich dazu ist die Zahl der Geburten bei den unter 18-jährigen im Jahr 2001 von bis dahin zwischen 4700 und 4800 Geburten (0,6 % der Gesamtzahl der Geburten) auf rund 5250 Geburten (0,7 %) gestiegen. Anders als bei den Schwangerschaftsabbrüchen können hier auch Vergleichszahlen aus anderen Jahrzehnten herangezogen werden, um eine historische Einordnung in größere Zeiträume geben zu können. In den Sechzigerjahren waren die Zahlen der minderjährigen Mütter im Vergleich zu heute dreimal und in den Siebziger- und Achtzigerjahren doppelt so hoch wie heute.
Nach bisheriger Datenlage kann nicht von einem "dramatischen" Anstieg der Abbrüche und auch der Schwangerschaften im Teenageralter gesprochen werden. Allerdings bedeutet dies nicht, das hier kein Handlungsbedarf zur Prävention von Schwangerschaftsabbrüchen bei Minderjährigen besteht.
Der qualitative Blick:
Leider ist immer noch zu wenig über Hintergründe und Ursachen der Entwicklung bei Schwangerschaftsabbrüchen von Minderjährigen bekannt. Aus einigen qualitativen Studien2) lassen sich Tendenzen über Hintergründe und Motive für den Schwangerschaftsabbruch bei Minderjährigen ableiten:
- Eine ungeklärte Beziehung zum Kindsvater
- Angst, eine Schul- oder Berufsausbildung nicht abschließen zu können
- Wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit von den Eltern
- Angst vor der Verantwortung für ein Kind
Auf die Frage, wie es zu den ungewollten Schwangerschaften kam, liegen ebenfalls keine gesicherten repräsentativen Daten vor. Aus Studien ist allerdings bekannt, aus welchen Gründen Jugendliche beim ersten Mal nicht verhütet haben3):
Gründe für Nicht-Verhütung beim ersten Geschlechtsverkehr (Auswahl):
| |
Mädchen |
Jungen |
| Es kam zu spontan |
69% |
58% |
| Wird schon nichts passieren |
42% |
26% |
| Alkohol, Drogen im Spiel |
21% |
19% |
| Wollten "aufpassen" |
12% |
24% |
| Nicht anzusprechen getraut |
14% |
17% |
Nicht getraut, Kondome zu kaufen |
12% |
10% |
| Kein Verhütungsmittel zur Hand |
13% |
1% |
Mit zunehmender Sexualerfahrung nimmt der Anteil der Jugendlichen ab, die nicht mit einem Geschlechtsverkehr gerechnet haben. Es bleibt aber die meist genannte Begründung für die unzureichende Verhütung. Aber auch Einnahmefehler bei der Pillenanwendung werden relativ häufig als Grund genannt:
Nicht-Verhütung
Gründe für Nicht-Verhütung (Auswahl)
| |
Mädchen |
Jungen |
| Es kam zu spontan |
43% |
44% |
| Pille vergessen |
32% |
15% |
| Wird schon nicht passieren |
28% |
21% |
| Einfluss unter Alkohol, Drogen |
19% |
22% |
Kein Verhütungsmittel zur Hand |
15% |
12% |
| Wollten "aufpassen" |
14% |
15% |
| Nicht anzusprechen getraut |
10% |
6% |
Dennoch belegen Studien, dass der Wissensstand über Verhütung unter Jugendlichen sehr hoch ist und dass sich das generelle Verhütungsverhalten auf einem hohen Niveau bewegt. Die große Mehrheit verhält sich auch bereits beim ersten Geschlechtsverkehr verantwortungsbewusst4):
Verhütungsverhalten beim ersten Mal
| |
Mädchen |
Jungen |
| Kondom |
63% |
65% |
| Pille |
33% |
26% |
Chemische Verhütungsmittel |
1% |
1% |
| Keine Verhütungsmittel |
12% |
15% |
| Sonstiges |
6% |
11% |
Im Laufe der Sexualerfahrungen wird das Verhütungsverhalten immer sicherer:
71% der Mädchen und 51% Jungen verhüten generell mit der Pille und 40 % der Mädchen und 64% der Jungen mit dem Kondom.
Resumée:
Was verbirgt sich also hinter den Darstellungen einer Eskalation von Teenagerschwangerschaften, welche Motive führen dazu, die Datenlage derart verzerrt dazustellen?
Hier lassen sich unterschiedliche Strömungen erkennen:
a) konservative, sexualfeindliche Haltung
Jugendsexualität wird generell negativ bewertet und Teenagerschwangerschaften sind der Beweis einer aktiven Sexualität der jungen Mädchen. Häufig wird den Jugendlichen ein allzu feizügiges und verantwortungsloses Sexualverhalten unterstellt, das nach Meinung dieser Strömung eingegrenzt und sanktioniert werden soll. Dahinter wird ein Werteverfall der Gesellschaft und eine allzu sorglose und verantwortungslose Erziehungsauffassung der Eltern bzw. der Gesellschaft vermutet.
Hingegen ist jedoch aus Studien bekannt, dass insbesondere ein der Sexualität der Jugendlichen gegenüber offenes Elternhaus, in dem vertrauensvoll über Sexualität gesprochen werden kann, ein verantwortungsvolles Verhütungsverhalten der Jugendlichen fördert. Dagegen wirkt sich eine repressive Haltung der Eltern negativ auf ein selbstbestimmtes Verhütungsverhalten junger Mädchen aus.
b) Ablenken von strukturellen und sozialen Schwierigkeiten
Der Blick auf die Abbrüche von Minderjährigen lenkt den Fokus auf die Notwendigkeit pädagogischen Handelns und des Jugendschutzes und weniger auf strukturell notwendige Interventionen und sozialpolitische Hilfestellungen. Mit diesem Fokus werden Teenagerschwangerschaften selten in den Zusammenhang von fehlenden Berufsperspektiven junger Mädchen gestellt. Aus Studien ist allerdings belegbar, dass es insbesondere junge unterprivilegierte Mädchen mit geringen Aussichten auf berufliche Entwicklung sind, die eine frühe Mutterschaft anstreben. Schulisch erfolgreiche und sozial gut aufgehobene junge Mädchen suchen in frühen sexuellen Erfahrungen nicht ihre Selbstbestätigung. Aus diesem Grund wird von ihnen auch keine frühe Mutterschaft angestrebt und sie verhüten daher sicherer.
c) Reißerische Berichterstattung
Immer wieder wird anhand der Zahlen zu Teenagerschwangerschaften ein Versagen der öffentlichen und staatlichen Aufklärung ins Feld geführt. Trotz jahrzehntelanger Aufklärung habe sich nach dieser Meinung nichts getan. Nicht selten verbirgt sich dahinter eine Berichterstattung, die auf die Erhöhung der Auflagen gerichtet ist, im Sinne von "bad news are good news". Dabei geht es in der Regel nicht um eine seriöse, dem Thema angemessene Aufbereitung, sondern vielmehr um eine reißerische, schlagzeilenorientierte Vermarktung. Wäre seriös recherchiert worden, hätten diese Meinungsbildner erkennen müssen, dass von Jugendlichen noch nie so gut verhütet wurde wie heute.
d) Sorge und Betroffenheit
Jede Teenagerschwangerschaft löst Betroffenheit und bei Erwachsenen den Wunsch aus, sie ungeschehen zu machen. Minderjährige Mütter sind in ihren eigenen Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Viele sehen zynischerweise einer so genannten "Sozialhilfekarriere" entgegen mit wenigen bzw. kaum Berufschancen. Hinzu kommt die Sorge um die Kinder dieser jungen Mütter, inwieweit sie in diesen sozialen Zusammenhängen ihrerseits wiederum Zukunftschancen haben. Gerade in einer Gesellschaft mit einer langen Jugend- und Ausprobierphase, in der berufliches Fortkommen stark über die eigene Autonomie entscheidet, stellt eine frühe Schwangerschaft eine enorme Schwierigkeit dar. Hinter dieser Haltung verbirgt sich häufig die Forderung, dass Teenagerschwangerschaften die Null-Prozent-Grenze erreichen müssten. Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass nicht alle Schwangerschaften bei Teenagern - vor allem bei guter Unterstützung - in der o. g. Dramatik enden müssen bzw. dass Sexualität nicht zu 100 Prozent planbar ist und auch niemals sein wird.
Ob nun viele minderjährige Mädchen von einer ungewollten Schwangerschaft betroffen sind oder wenige, ist für das einzelne Mädchen, das diesen Konflikt erlebt letztlich unerheblich. Jedes Mädchen, das diese Erfahrung macht, braucht Hilfe und solidarische Unterstützung.
Was ist zu tun:
- Junge Mädchen haben ein Recht auf Akzeptanz ihrer Sexualität und brauchen Unterstützung, um diese selbstbestimmt leben zu können.
- Grundlage für eine förderliche Auseinandersetzung mit dem Thema Teenagerschwangerschaften ist die Orientierung an den Problemlagen der Mädchen und weniger eine ideologisierende Bewertung. Zu dieser Haltung gehört die Akzeptanz der Entscheidung der Mädchen, egal ob sie sich für oder gegen das Austragen einer Schwangerschaft entscheiden.
- Sexualaufklärung ist eine wichtige Aufgabe zur Prävention von ungewollten Schwangerschaften bei Teenagern. Diese muss möglichst früh im Kindesalter ansetzen und nicht erst im Jugendalter. Hier sind alle Erziehungsinstanzen gefragt, die mit Kindern und Jugendlichen leben bzw. arbeiten: Elternhaus, Schule, offene Jugendarbeit, Kinder- und Jugendmedien, etc.
- Informationen über Verhütung müssen für alle Jugendliche zugänglich sein. Sie müssen in jugendgerechter und leicht verständlicher Form aufbereitet sein.
- Ein förderliches Klima und die Bereitstellung günstiger Rahmenbedingungen hinsichtlich von Bildung und sozialer Absicherung für alle Jugendliche ist eine Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes und -verantwortliches Leben. Die Abschaffung sozialer Benachteiligungen muss hier Ziel sein.
- Die Anerkennung der sexuellen und reproduktiven Rechte, das heißt, über das "ob" und die Anzahl der Kinder, sowie den Zeitpunkt ihrer Geburt frei und verantwortlich selbst bestimmen zu können, sollte auch für Jugendliche gelten und ernst genommen werden.
- Verhütungsmittel müssen insbesondere für Jugendliche leicht zugänglich sein. Dies gilt auch für die "Pille danach". Gerade für Jugendliche müssen niedrigschwellige und kostengünstige Angebote geschaffen werden.
- Junge Mütter brauchen vor allem dahingehend Unterstützung, dass sie mit Kind auch eine Berufsausbildung abschließen können.
- Jungen und junge Väter sind dahingehend zu unterstützen, dass sie ihre Verhütungs- und Vaterschaftsverantwortung stärker übernehmen.
Anmerkungen:
1) Statistisches Bundesamt 2002: Gesundheitswesen - Schwangerschaftsabbrüche, Fachserie 12/Reihe 3
2) Mistel-Studie in Sachsen-Anhalt (2000); Erhebung des Deutschen Caritasverbandes (1998): Beratung in anerkannten katholischen Schwangerschaftskonflikt- und Schwangerschaftsberatungsstellen
3)BZgA (2001): Jugendsexualität - Wiederholungsbefragung von 14- bis 17-Jährigen und ihren Eltern
4) BZgA (2001): Jugendsexualität - Wiederholungsbefragung von 14- bis 17-Jährigen und ihren Eltern
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